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Interview mit Kristina Mahlo

Interview mit Kristina Mahlo

Sabine Kornbichler: „Fabelhaft, dass wir uns endlich einmal persönlich gegenüber sitzen!“

Kristina Mahlo: (lacht) „Ja, das finde ich auch. Ich war sehr gespannt auf unsere Begegnung, immerhin ist sie ziemlich ungewöhnlich.“

Sabine Kornbichler: „Ich mag ungewöhnliche Begegnungen, ganz besonders mit einer Anwältin der Toten. Und das bringt mich auch gleich zu meiner ersten Frage: Was reizt dich an deinem Beruf? Immerhin hast du dadurch Tag für Tag mit Verstorbenen zu tun.“

Kristina Mahlo: „Ich habe ja nicht unmittelbar mit ihnen zu tun, sondern mit ihren Nachlässen, mit dem, was von ihrem Leben übrig bleibt. Dadurch bekomme ich sehr intime Einblicke in ihr Leben und lerne einen Menschen kennen, dem ich nie zuvor begegnet bin. Manchmal lerne ich ihn sogar besser kennen, als es seine Angehörigen und Freunde jemals konnten. Mich interessiert, wie diese Menschen ihr Leben gemeistert haben, und woran sie gescheitert sind. Mich interessiert der Weg, den sie gegangen sind.“

Sabine Kornbichler: „Stichwort Theresa Lenhardt. Sie hat dich kurz vor ihrem Tod als Testamentsvollstreckerin eingesetzt, aber du wolltest diesen Auftrag erst einmal ablehnen. Warum?“

Kristina Mahlo: „Jeder vernünftige Mensch hätte diesen Auftrag abgelehnt. Ich sollte unter den fünf möglichen Erben ihres Vermögens einen Mord aufklären, für den ihr Mann angeblich unschuldig im Gefängnis gesessen hatte.“

Sabine Kornbichler: „Aber du warst nicht vernünftig, oder?“

Kristina Mahlo: „Das wärst du auch nicht gewesen, wenn du die Chance gesehen hättest, gleichzeitig das spurlose Verschwinden deines Bruders aufzuklären. Erst dachte ich, sie würde mich damit nur ködern, aber so war es nicht.“

Sabine Kornbichler: „Letztlich hast du diesen Mord tatsächlich aufklären können und auch das Verschwinden von Ben. Aber ich fand den Preis dafür sehr hoch, immerhin bist du dabei in eine lebensgefährliche Situation geraten.“

Kristina Mahlo: „Zum Glück hatte ich einen Schutzengel, sonst säße ich jetzt nicht hier. Aber ich träume immer noch manchmal von dem Haus, in dem ich überfallen wurde.“

Sabine Kornbichler: „Beeinflusst dich diese Erfahrung bei deiner Arbeit?“

Kristina Mahlo: „Ich bin vorsichtiger geworden. Wenn ich ganz allein in einem Nachlasshaus bin, reiße ich zum Lüften nicht mehr alle Fenster auf. Zumindest nicht die im Erdgeschoss. Außer natürlich, sie sind vergittert – wie in meinem neuen Fall.“

Sabine Kornbichler: „Worum geht es da?“

Kristina Mahlo: „Wenn ich das wüsste! Anfangs dachte ich, er wäre reine Routine. Das einzig Ungewöhnliche waren die zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen am Haus des Verstorbenen. Davon habe ich mich täuschen lassen.“

Sabine Kornbichler: „Wie denn das?“

Kristina Mahlo: „Der Mann litt ganz offensichtlich an Paranoia. Daran besteht kein Zweifel. Aber dann habe ich den Fehler gemacht, ihn ausschließlich über diese Krankheit zu definieren. Dabei kann auch jemand mit Verfolgungswahn tatsächlich verfolgt werden. Der Verstorbene hatte in einem Brief an den Nachlassverwalter davor gewarnt, dass jemand versuchen würde, den Inhalt seines Bankschließfaches zu stehlen, weil es darin um zwei ungeklärte Morde ginge. Leider habe ich den Brief nicht ernst genommen. Die Unterlagen wurden mir gestohlen.“

Sabine Kornbichler: „Und jetzt?“

Kristina Mahlo: „Jetzt arbeite ich Schritt für Schritt jedes einzelne Fragezeichen ab. Bis ich weiß, was es mit diesen Unterlagen auf sich hat.“

Sabine Kornbichler: „Ist es dir wichtig, auf alle Fragen eine Antwort zu finden?“

Kristina Mahlo: „Ja, sehr. Dir etwa nicht?“

Sabine Kornbichler: „Manche kann ich ganz gut im Raum stehen lassen. Vor allem, wenn mir die Antworten gefährlich werden könnten.“

Kristina Mahlo: „Ich bin da anders. Ich muss den Dingen immer auf den Grund gehen. Deshalb fahre ich auch Ende der Woche nach Korsika. Es gibt eine Spur, die dorthin führt. Der Verstorbene hat nämlich kurz vor seinem Tod durch eine Detektei einen Mann ausspionieren lassen, der dort lebt.“

Sabine Kornbichler: „Das klingt, als seist du ziemlich eingespannt. Wie schaffst du es, all das mit deinem Privatleben zu vereinbaren?“

Kristina Mahlo: „Eigentlich trenne ich gar nicht so scharf zwischen Berufs- und Privatleben. Da ich meine Arbeit so spannend und interessant finde, vergeht die Zeit oft wie im Fluge. Ich habe dann gar nicht das Gefühl, ich müsste jetzt sofort alles stehen und liegen lassen, damit mein Privatleben nicht zu kurz kommt. Meinem Lebensgefährten geht es ähnlich. Simon betreibt hier auf unserem Hof einen Weinhandel und arbeitet oft an den Wochenenden oder abends. Meine Freundin Henrike mit ihrem Trödelladen und ihren Entrümplungen übrigens auch.“

Sabine Kornbichler: „Habe ich das richtig verstanden, dass ihr auf einer Art Mehrgenerationenhof zusammenlebt?“

Kristina Mahlo: „Ja, aber genau genommen sind es bisher nur zwei Generationen. Meine Eltern und ich haben im Haupthaus unsere jeweiligen Wohnungen und ich zusätzlich noch mein Büro, Simon hat das Nebengebäude ganz für sich. Und Henrike betreibt in der Scheune ihren Trödelladen. Wir sind alle ein wenig wie Strandgut, das vom Leben hier angespült wurde.“

Sabine Kornbichler: „Sollen aus den zwei denn irgendwann drei Generationen werden?“

Kristina Mahlo: „Das ist leider eine schwierige Frage. Wenn es nach mir ginge schon, Simon reichen die beiden Generationen. Aber noch ist es nicht in Stein gemeißelt. Du weißt ja, ich gebe nicht so schnell auf.“

Sabine Kornbichler: „Wenn du über Freundschaft nachdenkst, wer kommt dir dann in den Sinn?“

Kristina Mahlo: „Henrike. Und natürlich Arne. Ich habe vor ein paar Jahren den Nachlass seiner Stiefmutter betreut, so haben wir uns kennengelernt. Anfangs hatten wir nur beruflich miteinander zu tun. Arne betreibt einen Autohandel und kauft immer wieder Fahrzeuge aus meinen Nachlässen auf. Mit den Jahren ist eine tiefe Freundschaft daraus entstanden. Zum Glück versteht er sich auch mit Simon gut. Und mit Henrike – die beiden haben sich ineinander verliebt.“

Sabine Kornbichler: „Hattest du da vielleicht deine Finger im Spiel?“

Kristina Mahlo: (lacht) „Nein, nein, das haben sie ganz alleine geschafft. Da konnte ich mich in Ruhe zurücklehnen.“

Sabine Kornbichler: „Apropos zurücklehnen. Wie entspannst du dich eigentlich?“

Kristina Mahlo: „Indem ich auf Bäume klettere. Und bevor du jetzt einwendest, das sei doch eher etwas für Kinder, kann ich nur sagen, das stimmt nicht. Für mich ist es immer wieder eine Herausforderung, die viel Geschicklichkeit und Konzentration erfordert. Du solltest es mal ausprobieren.“

Sabine Kornbichler: „Nur, wenn du mitkommst!“

Kristina Mahlo: (lacht) „Sag wann, und ich bin dabei!“

Sabine Kornbichler: „Vielleicht gleich nach diesem Interview?“

Kristina Mahlo: „Dann müssten wir uns aber beeilen.“

Sabine Kornbichler: „Okay, ich gebe Gas: Was macht dich fröhlich?“

Kristina Mahlo: „Funda, meine Mitarbeiterin, die inzwischen schon fast wie eine Freundin ist. Sie verbreitet einfach gute Stimmung. Und sie stürzt sich mit einem ähnlichen Eifer wie ich auf ungelöste Fragen. Und dann gibt es natürlich noch Rosa, Simons Mischlingshündin, außerdem Alfred, eine zahme Krähe, die jeden Tag vorbeikommt, um sich eine Nuss abzuholen. Während ich mit dem Theresa-Lenhardt-Fall zu tun hatte, ist Alfred plötzlich verschwunden. Vielleicht kannst du nachempfinden, wie sehr mir das zugesetzt hat.“

Sabine Kornbichler: „Das kann ich! Immerhin hast du lange damit leben müssen, dass dein Bruder verschwunden ist. Ich glaube, wenn man diese Erfahrung gemacht hat, ist das Verschwinden eines jeden Wesens nur schwer zu ertragen.“

Kristina Mahlo: „Ich dachte mir schon, dass du nicht zu denen gehörst, die sich darüber lustig machen und sagen, es sei doch nur eine Krähe. Alfred ist für mich ein Familienmitglied. Zum Glück habe ich ihn wiedergefunden. Jetzt flattert er wieder jeden Morgen über die Hecke, lässt sich auf dem Gartentisch nieder und klopft mit seinem Schnabel auf die Dose mit den Nüssen.“

Sabine Kornbichler: „Soweit ich weiß, bist du Frühaufsteherin und arbeitest oft bis abends. Bleibt dir da eigentlich noch Zeit zum Lesen?“

Kristina Mahlo: „Ja, nachts, da lese ich am liebsten.“

Sabine Kornbichler: „Und was liest du dann?“

Kristina Mahlo: „Hm … Biografien.“

Sabine Kornbichler: „Was ist mit Krimis? Die lese ich so gerne.“

Kristina Mahlo: „Krimis lese ich eher selten. Meine Fälle sind mir Krimi genug.“

Sabine Kornbichler: „Bei deinen Fällen geht es ja oft darum, die Wahrheit herauszufinden. Sagst du denn eigentlich selbst immer die Wahrheit?“

Kristina Mahlo: „Ich gebe mir Mühe, aber ich muss zugeben: Auch in meinem Leben gibt es Situationen, in denen es mir leichter fällt zu lügen.“

Sabine Kornbichler: „Ich hoffe, dieses Interview fällt nicht in diese Kategorie!“

Kristina Mahlo: (lacht) „Bisher noch nicht. Aber ich weiß ja nicht, was noch kommt.“

Sabine Kornbichler: „Nur noch zwei Fragen. In Interviews wird ja auch immer wieder nach Brüchen in einem Leben gefragt. Bei dir war es das Verschwinden deines Bruders Ben, das dein Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt hat. Wie bist du damit umgegangen?“

Kristina Mahlo: „Ich habe mich in meine Arbeit gestürzt und bin in andere Schicksale eingetaucht. Das hat mir genauso geholfen wie meine Suchaktion. Beides hat dieser unerträglichen Hilflosigkeit etwas entgegengesetzt.“

Sabine Kornbichler: „Das kann ich gut verstehen. Okay, letzte Frage: Hast du eigentlich ein Lebensmotto?“

Kristina Mahlo: „Ein Motto für ein ganzes Leben? Ich bin jetzt zweiunddreißig und hätte heute ganz bestimmt ein anderes als in zehn Jahren. Aber wenn du wissen möchtest, wie ich das Leben angehe, dann kann ich nur sagen: Ich lasse mich nicht so schnell schrecken und bin erfinderisch, was den Umgang mit Hürden angeht.“

Sabine Kornbichler: „Vielen Dank, Kristina.“